1. Rudern im Gigboot – Grundlagen

1.1 Voraussetzungen und Sicherheit
📘 Was du mitbringen musst

Die wichtigste Voraussetzung für den Ruderkurs ist sicheres Schwimmen können. Auch wenn ein Boot nur sehr selten kentert, musst du dich im Ernstfall selbst über Wasser halten können.

Was du brauchst:
- Deutsches Schwimmabzeichen Bronze – als Papierheft (Nachweis) mitbringen
- Duschsachen (Handtuch, Duschzeug)
- vollständige Wechselsachen, inklusive Schuhe
- Schuhe mit schmaler Ferse – nur damit kommst du sicher in die Stemmbretter

📘 Die Maschseeordnung – was für unseren Kurs gilt

Für den Maschsee gilt die Maschseeordnung der Landeshauptstadt Hannover. Für unseren Kurs sind daraus vier Punkte wichtig:

- Es wird im Uhrzeigersinn gefahren. Alle Boote drehen dieselbe Runde in derselben Richtung. Dadurch gibt es kaum Begegnungen, und jeder weiß, was der andere als Nächstes tut.
- Wir weichen Seglern aus – und achten auf alle anderen Boote. Ein Segelboot kann seinen Kurs nicht frei wählen, wir schon. Genauso gilt: Fahrgastschiffe, Tretboote und andere Ruderboote immer im Blick behalten.
- An Bojen wird nicht festgemacht.
- Baden ist nur im markierten Bereich des Strandbades erlaubt – also niemals vom Boot aus ins Wasser springen.

1.2 Das Gigboot – Aufbau und Ausrüstung
📘 Aufbau und Ausrüstung des Gigboots

Gigboot vs. Rennboot

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Bootstypen:

Rennboote: schmal, lang, leicht – gebaut für Höchstgeschwindigkeit, aber sehr kippanfällig.

Gigboote (Breitboote): breiter, kürzer, schwerer – verzeihen Fehler eher und sind deshalb ideal für den Einstieg ins Rudern. Genau deshalb starten Schulruderkurse im Gigboot.

Die wichtigsten Bauteile

- Skulls: die Ruder – jede Person hat zwei Skulls, eines auf jeder Seite. Das nennt man Skullen, und darum geht es in diesem ganzen Kurs.
- Ausleger: das seitlich abstehende Gestänge, das die Dolle außerhalb des Bootsrands hält – beim Skullboot auf beiden Seiten
- Dolle: die Halterung am Ausleger, in der sich das Skull dreht
- Rollsitz: der bewegliche Sitz, auf dem man während des Schlages vor- und zurückrollt
- Fußstemmbrett: feste Fußstütze, gegen die man sich beim Durchziehen abdrückt
- Steuer: wird von der Steuerperson über Steuerleinen bedient, um Kurs zu halten

Sitzordnung und Richtungen im Boot

Die Plätze werden vom Bug aus gezählt: Wer ganz vorne im Bug sitzt, hat Platz 1, dahinter folgen Platz 2 und Platz 3. Auf Platz 4 sitzt der Schlagmann bzw. die Schlagfrau – direkt vor dem Steuermann/der Steuerfrau am Heck. Alle anderen orientieren sich an Platz 4. Vier Skullerinnen und Skuller plus Steuermann ergeben einen Doppelvierer mit Steuermann (Kurzform: 4x+).

Bug und Heck: Der Bug ist das vordere Ende in Fahrtrichtung, das Heck das hintere. Achtung: Die Ruderer sitzen mit dem Rücken zur Fahrtrichtung – sie schauen also zum Heck.

Backbord und Steuerbord: Blickt man in Fahrtrichtung (zum Bug), liegt Backbord links und Steuerbord rechts. Beim Skullen greift jede Person zwei Skulls – das linke liegt auf Backbord, das rechte auf Steuerbord. Deshalb hat jeder Platz auch zwei Ausleger und zwei Dollen.

Die Bandrollen: Farbe und Anzahl

Skulls und Ausleger tragen farbige Bandrollen – aufgewickelte Klebebänder, an denen man ohne Nachdenken erkennt, was wohin gehört. Sie verschlüsseln zwei Informationen gleichzeitig:

- Die Farbe sagt die Bootsseite: rot = Backbord, grün = Steuerbord. Das ist dieselbe Regel wie bei den Positionslichtern in der Schifffahrt – rot backbord, grün steuerbord.
- Die Anzahl der Ringe sagt den Platz: ein Ring gehört zu Platz 1, zwei Ringe zu Platz 2, drei zu Platz 3 und vier zu Platz 4.

Ein Skull mit drei roten Ringen gehört also auf die Backbordseite von Platz 3 – und in genau die Dolle, deren Ausleger dieselbe Markierung trägt. So lässt sich das Boot auch von Anfängern schnell und fehlerfrei riggern, und nach der Ausfahrt landet jedes Teil wieder am richtigen Ort.

Warum das wichtig ist: Skulls und Ausleger eines Bootes sind nicht beliebig austauschbar. Sie werden auf Hebel und Sitzposition eingestellt; vertauscht man sie, stimmt die Übersetzung für diesen Platz nicht mehr.

📊 Zeichnung: Gig-Doppelvierer von oben (Draufsicht)
✏️ Aufgabe: Bootsteile zuordnen

1. Beschrifte eine eigene Skizze eines Gigboots (oder beschreibe in eigenen Worten) mit den Begriffen: Skulls, Dolle, Ausleger, Rollsitz, Stemmbrett, Steuer.
2. Auf welchem Platz sitzt der Schlagmann/die Schlagfrau im Doppelvierer – und warum ausgerechnet dort?
3. Wie viele Skulls und wie viele Dollen hat ein Doppelvierer insgesamt? Begründe.
4. Du sitzt auf Platz 3 und schaust – wie alle Ruderer – nach hinten zum Heck. Liegt das Skull in deiner rechten Hand auf Backbord oder auf Steuerbord?
5. Du nimmst im Bootshaus ein Skull mit zwei grünen Ringen aus dem Regal. In welche Dolle gehört es?
6. Auf dem Steg liegen noch zwei Skulls: eines mit vier roten Ringen, eines mit einem grünen Ring. Wer vermisst sie – und auf welcher Seite?

Kontrolliere anschließend mit der Zeichnung oben.

1.3 Kommandos
📘 Ankündigung und Ausführung

Im Boot sitzen alle mit dem Rücken zur Fahrtrichtung – deshalb steuert und kommandiert die Steuerperson. Damit alle gleichzeitig handeln, besteht ein Kommando fast immer aus zwei Teilen:

1. Ankündigungskommando – es sagt, was gleich passiert. Alle machen sich bereit, aber niemand bewegt sich schon.
2. Ausführungskommando – meist nur ein kurzes Wort. Erst jetzt wird gehandelt, und zwar von allen im selben Moment.

Zwischen beiden Teilen macht die Steuerperson eine deutliche Pause. Nur ein Kommando kommt ohne Ausführungsteil aus: „Stoppen!" – das Notkommando, das sofort ausgeführt wird.

AnkündigungskommandoAusführungskommandoWas passiert
Boot geht …… hochAlle heben das Boot gemeinsam an
Boot dreht, Rathaus offen …… umBoot wird gedreht, die offene Seite zeigt zum Rathaus
Boot dreht, Strandbad offen …… umBoot wird gedreht, die offene Seite zeigt zum Strandbad
In die Auslage …… abAlle gehen gemeinsam in die Auslage und fangen an zu rudern
Ruder …… haltDas Rudern wird beendet, die Blätter kommen flach aufs Wasser
Wende über Steuerbord/Backbord …… abDas Boot wird auf der Stelle gedreht
Wende …… haltDas Wendemanöver wird beendet
Stoppen!(kein Ausführungskommando)Notkommando: Blätter sofort ins Wasser, das Boot bleibt stehen
Boot legt …… abDas Boot stößt vom Steg ab
Skulls Steuerbord/Backbord hoch(kein Ausführungskommando)Die genannte Seite hebt die Skulls an
✏️ Aufgabe: Kommandos anwenden

1. Warum wird ein Kommando in Ankündigung und Ausführung geteilt? Was würde passieren, wenn die Steuerperson nur „hoch" rufen würde?
2. Warum hat ausgerechnet „Stoppen!" kein Ausführungskommando?
3. Schreibt in Kleingruppen eine vollständige Kommandokette auf: vom Tragen des Boots aus dem Bootshaus bis zum Anrudern.

1.4 Der Ruderschlag – Grundtechnik
📘 Die Ganzbewegung

Der Ruderschlag wird von Anfang an als Ganzbewegung erlernt, nicht in isolierten Einzelteilen. Ziel ist es, dass die Grundbewegung schon nach der ersten Ausfahrt in der Gruppe einigermaßen sitzt.

Die vier Phasen eines Schlages:
1. Vorrollen (Ausholen): Arme gestreckt, mit dem Rollsitz nach vorne rollen
2. Blätter drehen und ins Wasser setzen
3. Durchziehen: Beine drücken zuerst, dann Rücken, zuletzt ziehen die Arme an
4. Ausheben: Blätter aus dem Wasser nehmen und abdrehen

Beim Skullen kommt dazu: Beide Hände arbeiten spiegelbildlich und auf gleicher Höhe. Weil sich die Skullgriffe vor dem Körper überkreuzen, führt eine Hand immer knapp vor der anderen – im deutschen Rudern liegt die linke Hand vorn und etwas höher.

📊 Zeichnung: Der Ruderschlag im Boot (Seitenansicht, Animation)
💡 Beispiel: Schlag analysieren
Beobachtungsaufgabe: Beobachte eine Ruderin oder einen Ruderer (live oder per Video) für einen kompletten Schlagzyklus.

Leitfragen:
- In welcher Reihenfolge werden Beine, Rücken und Arme eingesetzt?
- Ist das Vorrollen ruhiger oder schneller als das Durchziehen – und warum sollte das so sein?
- Werden beide Blätter sauber, gleichzeitig und ohne „Klatschen" ins Wasser gesetzt?

✏️ Aufgabe: Technik reflektieren

1. Warum beginnt das Durchziehen mit den Beinen und nicht mit den Armen?
2. Was passiert, wenn beim Ausheben die Blätter nicht sauber aus dem Wasser kommen?
3. Erkläre, warum das Vorrollen langsamer ausgeführt werden sollte als das Durchziehen.

1.5 Anlegen am Steg
📘 So legt ihr am Steg an

Beim Anlegen geht am meisten kaputt – und fast immer aus demselben Grund: zu viel Fahrt. Ein Gigboot hat keine Bremse. Was ihr zu viel an Geschwindigkeit mitbringt, landet im Steg, im Ruderblatt oder in beidem. Am Schülerbootshaus legen wir in der Lücke zwischen den beiden Stegen an.

1. Langsam und flach anfahren. Die Steuerperson hält in einem Winkel von etwa 30° auf den Steg zu – nicht senkrecht darauf, sonst rammt ihr ihn, aber auch nicht parallel daneben, sonst kommt ihr nie heran. Rechtzeitig vorher kommt „Ruder – halt!", danach rollt das Boot mit wenig Restfahrt aus.

2. Skulls auf der Stegseite hoch. Kommando: „Skulls Backbord hoch!" (bzw. Steuerbord – je nachdem, auf welcher Seite der Steg liegt). Die stegseitigen Blätter müssen über dem Steg in der Luft sein. Bleiben sie unten, brechen sie oder hebeln das Boot vom Steg weg. Die wasserseitigen Skulls bleiben liegen: Sie stabilisieren das Boot und ihr könnt mit ihnen noch bremsen.

3. Kurz vor dem Steg vom Steg weg steuern. Erst dieser Gegenzug dreht das Boot parallel zum Steg, sodass es längsseits ausläuft. Wer erst am Steg lenkt, ist zu spät – dann trifft der Bug.

4. Wenn nötig stoppen. Ist noch zu viel Fahrt drin: „Stoppen!" – die wasserseitigen Blätter senkrecht ins Wasser. Einseitiges Stoppen auf der Wasserseite bremst und zieht das Heck zusätzlich an den Steg heran.

Erst wenn das Boot ruhig längsseits liegt und festgehalten wird, kommt „Fertig zum Aussteigen – steigt aus!".

Merke: Lieber zweimal anlegen als einmal zu schnell. Ein Anlegemanöver, das zu schnell wird, bricht man ab und fährt eine neue Runde.

📊 Zeichnung: Anlegen zwischen den Stegen (Draufsicht, Animation)
✏️ Aufgabe: Anlegen durchdenken

1. Warum fährt man den Steg in einem Winkel von etwa 30° an und nicht senkrecht? Warum aber auch nicht parallel?
2. Was passiert, wenn die stegseitigen Skulls beim Anlegen unten bleiben? Nenne zwei mögliche Folgen.
3. Warum werden ausgerechnet die wasserseitigen Skulls nicht hochgenommen?
4. Das Boot ist noch zu schnell und der Steg ist nur noch zwei Bootslängen entfernt. Welche Kommandos gibt die Steuerperson – und in welcher Reihenfolge?
5. Der Steg liegt auf Steuerbord. Formuliere die vollständige Kommandokette vom „Ruder – halt!" bis zum Aussteigen.

1.6 Die Wende
📘 Die Wende über Steuerbord

Am Ende des Fahrgebiets muss das Boot umkehren. Ein Ruderboot kann dabei nicht einfach einen Bogen fahren wie ein Auto: Das Steuer wirkt nur, solange Wasser daran vorbeiströmt. Sobald das Boot steht, ist das Steuerblatt wirkungslos. Gedreht wird deshalb mit den Skulls – und zwar auf der Stelle.

Über welche Seite? Die Wende wird nach der Seite benannt, zu der sich der Bug dreht. Bei der Wende über Steuerbord dreht das Boot also nach rechts (in Fahrtrichtung gesehen). Vor dem Kommando schaut die Steuerperson nach hinten und zur Seite: Ein Doppelvierer ist rund 10 m lang, beim Drehen schwenken Bug und Heck weit aus. Es muss ringsum frei sein.

Das Kommando: „Wende über Steuerbord … ab!" – beendet wird sie mit „Wende … halt!".

Der Ablauf. Beim Skullen hat jede Person beide Bootsseiten in der Hand. Die Wende ist deshalb ein Wechselschlag: Ein Skull arbeitet, das andere wird nur flach über dem Wasser mitgeführt.

1. Rückwärtsschlag auf Steuerbord. Alle gehen wie beim Rückwärtsrudern in die Rücklage. Das Steuerbord-Blatt wird senkrecht ins Wasser gesetzt und weggedrückt – diese Bootsseite schiebt sich rückwärts. Das Backbord-Skull wird dabei flach über dem Wasser nach vorn mitgeführt.
2. Vorwärtsschlag auf Backbord. Aus der Auslage wird nun mit dem Backbord-Blatt ein ganz normaler Schlag vorwärts gerudert. Jetzt ist es umgekehrt: Das Steuerbord-Skull wird flach zurückgeführt.
3. Im Wechsel wiederholen, mit kurzen, ruhigen Schlägen. Steuerbord drückt rückwärts, Backbord zieht vorwärts – beide Kräfte drehen das Boot in dieselbe Richtung. Es bleibt fast auf der Stelle und dreht den Bug nach Steuerbord.
4. Zeigt der Bug in die neue Richtung, kommt „Wende … halt!". Alle Blätter legen sich flach aufs Wasser, das Boot steht ruhig. Danach geht es normal weiter mit „In die Auslage … ab!".

Merke: Die Seite, über die gewendet wird, ist die Seite, die rückwärts rudert. Wende über Steuerbord → Steuerbord rückwärts, Backbord vorwärts.

Weil beim Wenden immer nur ein Blatt arbeitet und das andere flach mitgeht, liegt das Boot dabei weniger stabil als beim normalen Rudern. Deshalb: kurze Schläge, nicht hetzen, und die Blätter beim Mitführen wirklich flach halten.

📊 Zeichnung: Die Wende über Steuerbord (Draufsicht, Animation)
✏️ Aufgabe: Die Wende verstehen

1. Warum kann ein Ruderboot nicht allein mit dem Steuer wenden?
2. Bei einer Wende über Steuerbord: Welche Seite rudert rückwärts, welche vorwärts? Begründe, warum das Boot sich dadurch dreht und nicht seitwärts fährt.
3. Was macht die Hand auf der Seite, die gerade nicht arbeitet?
4. Ihr sollt über Backbord wenden. Beschreibe den Ablauf in eigenen Worten.
5. Warum schaut die Steuerperson vor dem Kommando nach hinten? Überlege dazu, wie viel Platz ein Doppelvierer beim Drehen braucht.

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