Beim Quadrieren rechnest du $3^2 = 9$. Beim Wurzelziehen gehst du den Weg zurück:
$\sqrt{9} = 3 \quad \text{denn} \quad 3^2 = 9$
Definition: Die Quadratwurzel $\sqrt{a}$ ist diejenige nicht negative Zahl, deren Quadrat $a$ ergibt.
$\sqrt{a} = b \quad \Longleftrightarrow \quad b^2 = a \ \text{ und } \ b \ge 0$
Sprechweisen:
- $a$ heißt Radikand (die Zahl unter der Wurzel)
- $\sqrt{\ }$ heißt Wurzelzeichen
Wichtig:
- Aus negativen Zahlen kann man keine Quadratwurzel ziehen: $\sqrt{-4}$ ist nicht definiert.
- $\sqrt{9} = 3$ und nicht $\pm 3$. Die Gleichung $x^2 = 9$ hat dagegen die zwei Lösungen $x = 3$ und $x = -3$.
Wenn der Radikand eine Quadratzahl ist, geht die Wurzel glatt auf:
| $a$ | 1 | 4 | 9 | 16 | 25 | 36 | 49 | 64 | 81 | 100 | 121 | 144 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| $\sqrt{a}$ | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 |
Auch mit Brüchen und Dezimalzahlen:
- $\sqrt{\tfrac{4}{25}} = \tfrac{2}{5}$, denn $\left(\tfrac{2}{5}\right)^2 = \tfrac{4}{25}$
- $\sqrt{0{,}49} = 0{,}7$, denn $0{,}7^2 = 0{,}49$
- $\sqrt{1{,}44} = 1{,}2$
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Die meisten Radikanden sind keine Quadratzahlen. Dann liegt die Wurzel zwischen zwei ganzen Zahlen — und die kannst du sofort angeben:
$4 < 7 < 9 \quad \Longrightarrow \quad \sqrt{4} < \sqrt{7} < \sqrt{9} \quad \Longrightarrow \quad 2 < \sqrt{7} < 3$
Das funktioniert, weil das Wurzelziehen die Reihenfolge der Zahlen nicht verändert: Je größer der Radikand, desto größer die Wurzel.
Vorgehen:
1. Suche die nächstkleinere Quadratzahl unter dem Radikanden.
2. Suche die nächstgrößere Quadratzahl über dem Radikanden.
3. Ziehe aus beiden die Wurzel — fertig ist die erste Abschätzung.
$49 < 50 < 64 \ \Rightarrow \ 7 < \sqrt{50} < 8$
Da 50 sehr dicht an 49 liegt, ist $\sqrt{50}$ nur wenig größer als 7. Tatsächlich: $\sqrt{50} \approx 7{,}071$.
$\sqrt{2}$:
$1 < 2 < 4 \ \Rightarrow \ 1 < \sqrt{2} < 2$
Diese Abschätzung ist noch grob. Um genauer zu werden, brauchen wir ein Näherungsverfahren.
Das Intervallhalbierungsverfahren (auch Bisektion oder Intervallschachtelung) presst die gesuchte Wurzel Schritt für Schritt in immer kleinere Intervalle.
Ablauf für $\sqrt{a}$:
1. Start: Finde ein Intervall $[u; o]$ mit $u^2 < a < o^2$. Dann liegt $\sqrt{a}$ sicher dazwischen.
2. Mitte berechnen: $m = \dfrac{u + o}{2}$
3. Testen: Berechne $m^2$ und vergleiche mit $a$:
- Ist $m^2 < a$, dann ist $m$ zu klein → neues Intervall $[m; o]$
- Ist $m^2 > a$, dann ist $m$ zu groß → neues Intervall $[u; m]$
4. Wiederholen ab Schritt 2.
Warum das funktioniert: In jedem Schritt halbiert sich die Länge des Intervalls. Die gesuchte Wurzel bleibt dabei immer eingesperrt. Nach $n$ Schritten ist das Intervall nur noch $\dfrac{o - u}{2^n}$ lang — es wird also beliebig klein.
| Schritt | Intervall $[u; o]$ | Mitte $m$ | $m^2$ | Vergleich mit 2 | neues Intervall |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | $[1; 2]$ | 1,5 | 2,25 | zu groß | $[1; 1{,}5]$ |
| 2 | $[1; 1{,}5]$ | 1,25 | 1,5625 | zu klein | $[1{,}25; 1{,}5]$ |
| 3 | $[1{,}25; 1{,}5]$ | 1,375 | 1,890625 | zu klein | $[1{,}375; 1{,}5]$ |
| 4 | $[1{,}375; 1{,}5]$ | 1,4375 | 2,066… | zu groß | $[1{,}375; 1{,}4375]$ |
| 5 | $[1{,}375; 1{,}4375]$ | 1,40625 | 1,977… | zu klein | $[1{,}40625; 1{,}4375]$ |
Nach 5 Schritten wissen wir: $1{,}40625 < \sqrt{2} < 1{,}4375$ — also $\sqrt{2} \approx 1{,}4$.
Das Intervall ist von der Länge 1 auf $\tfrac{1}{2^5} = 0{,}03125$ geschrumpft.
Startintervall $[1; 2]$ hat die Länge 1. Nach $n$ Halbierungen ist die Länge $\left(\tfrac{1}{2}\right)^n$.
Für eine Genauigkeit von 3 Nachkommastellen ($0{,}001$) muss gelten:
$\left(\tfrac{1}{2}\right)^n < 0{,}001 \quad \Longrightarrow \quad 2^n > 1000 \quad \Longrightarrow \quad n \ge 10$
Jede weitere Dezimalstelle kostet also rund 3–4 weitere Schritte. Das Verfahren ist zuverlässig, aber langsam — genau hier setzt das Heron-Verfahren an.
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Das Heron-Verfahren (nach Heron von Alexandria, ca. 60 n. Chr.) ist die geometrische Idee hinter einer der schnellsten Wurzelnäherungen.
Die Idee: Gesucht ist $\sqrt{a}$ — also die Seitenlänge eines Quadrats mit dem Flächeninhalt $a$.
Starte mit einem Rechteck mit dem Flächeninhalt $a$:
- Wähle eine beliebige Länge $a_1 > 0$.
- Die zugehörige Breite ist dann $b_1 = \dfrac{a}{a_1}$, denn $a_1 \cdot b_1 = a$.
Ist das Rechteck noch kein Quadrat, dann ist eine Seite zu lang und die andere zu kurz — die gesuchte Wurzel liegt dazwischen. Nimm als neue Länge den Mittelwert beider Seiten:
$a_{n+1} = \frac{a_n + b_n}{2} = \frac{1}{2}\left(a_n + \frac{a}{a_n}\right)$
Das neue Rechteck hat wieder den Flächeninhalt $a$, ist aber "quadratischer" als das alte. Nach wenigen Schritten ist es vom Quadrat kaum noch zu unterscheiden.
Rekursionsformel:
$\boxed{a_{n+1} = \frac{1}{2}\left(a_n + \frac{a}{a_n}\right)}$
| $n$ | Länge $a_n$ | Breite $b_n = \frac{2}{a_n}$ | Mittelwert $a_{n+1}$ |
|---|---|---|---|
| 1 | 2 | 1 | 1,5 |
| 2 | 1,5 | 1,3333… | 1,416666… |
| 3 | 1,416666… | 1,411764… | 1,4142156… |
| 4 | 1,4142156… | 1,4142114… | 1,41421356… |
Zum Vergleich: $\sqrt{2} = 1{,}41421356\ldots$
Nach nur 4 Schritten stimmen bereits 8 Nachkommastellen. Die Intervallhalbierung hätte dafür rund 27 Schritte gebraucht.
Bei jedem Heron-Schritt verdoppelt sich ungefähr die Anzahl der korrekten Nachkommastellen:
| Schritt | korrekte Stellen |
|---|---|
| 1 | 0 |
| 2 | 1 |
| 3 | 3 |
| 4 | 8 |
| 5 | 16 |
Man nennt das quadratische Konvergenz. Bei der Intervallhalbierung kommt dagegen pro Schritt nur ein festes Stück Genauigkeit dazu (das Intervall halbiert sich) — das heißt lineare Konvergenz.
Merksatz: Intervallhalbierung ist der sichere Fußmarsch, Heron ist der Sprint. Beide kommen ans Ziel, Heron aber sehr viel schneller.
Egal ob du mit $a_1 = 100$ oder $a_1 = 0{,}01$ startest — die Folge nähert sich immer $\sqrt{a}$ an. Der Grund: Nach dem ersten Schritt ist $a_n$ immer größer als $\sqrt{a}$ (Mittelwert von Länge und Breite), und danach wird die Folge streng kleiner, aber nie kleiner als $\sqrt{a}$.
Übrigens: Genau dieses Verfahren steckt (in optimierter Form) in fast jedem Taschenrechner und in der sqrt-Funktion deines Computers.
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Bisher kanntest du Bruchzahlen — Zahlen, die sich als $\frac{p}{q}$ mit ganzen Zahlen $p$ und $q \neq 0$ schreiben lassen. Diese heißen rationale Zahlen.
Man erkennt sie an ihrer Dezimaldarstellung:
| Bruch | Dezimaldarstellung | Typ |
|---|---|---|
| $\frac{3}{4}$ | $0{,}75$ | endlich |
| $\frac{1}{3}$ | $0{,}\overline{3}$ | periodisch |
| $\frac{5}{11}$ | $0{,}\overline{45}$ | periodisch |
Merkregel: Eine Zahl ist genau dann rational, wenn ihre Dezimaldarstellung abbricht oder periodisch ist.
$\sqrt{2}$ tut weder das eine noch das andere:
$\sqrt{2} = 1{,}41421356237309504880\ldots$
Die Nachkommastellen brechen nie ab und wiederholen sich nie in einer Periode. Solche Zahlen heißen irrational ("nicht als Verhältnis darstellbar").
| Zahl | Einordnung | Begründung |
|---|---|---|
| $\sqrt{9} = 3$ | rational | Radikand ist Quadratzahl |
| $\sqrt{2}$ | irrational | 2 ist keine Quadratzahl |
| $\sqrt{\frac{4}{9}} = \frac{2}{3}$ | rational | Zähler und Nenner sind Quadratzahlen |
| $0{,}\overline{27}$ | rational | periodisch, $= \frac{27}{99} = \frac{3}{11}$ |
| $\pi = 3{,}14159\ldots$ | irrational | weder abbrechend noch periodisch |
| $0{,}101001000100001\ldots$ | irrational | Muster, aber keine Periode |
Faustregel für Wurzeln: $\sqrt{n}$ mit einer natürlichen Zahl $n$ ist entweder ganzzahlig (wenn $n$ eine Quadratzahl ist) oder irrational. Etwas dazwischen gibt es nicht.
Dass $\sqrt{2}$ wirklich kein Bruch ist, kann man beweisen — mit einem Widerspruchsbeweis.
Annahme: $\sqrt{2}$ wäre rational. Dann gäbe es einen vollständig gekürzten Bruch mit
$\sqrt{2} = \frac{p}{q}$
Schritt 1 — Quadrieren:
$2 = \frac{p^2}{q^2} \quad \Longrightarrow \quad p^2 = 2q^2$
Schritt 2 — $p$ muss gerade sein:
$p^2$ ist das Doppelte von $q^2$, also gerade. Das Quadrat einer ungeraden Zahl ist aber immer ungerade. Also ist $p$ gerade, d. h. $p = 2k$.
Schritt 3 — Einsetzen:
$(2k)^2 = 2q^2 \quad \Longrightarrow \quad 4k^2 = 2q^2 \quad \Longrightarrow \quad q^2 = 2k^2$
Schritt 4 — Also ist auch $q$ gerade:
Mit derselben Begründung wie in Schritt 2 folgt: $q$ ist gerade.
Widerspruch: $p$ und $q$ sind beide gerade — der Bruch war also nicht vollständig gekürzt. Das widerspricht unserer Annahme.
Folgerung: Es kann keinen solchen Bruch geben. $\sqrt{2}$ ist irrational. $\blacksquare$
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Die Pythagoreer (ca. 500 v. Chr.) waren überzeugt: "Alles ist Zahl" — und mit "Zahl" meinten sie Verhältnisse ganzer Zahlen. Die Diagonale im Einheitsquadrat hat aber nach dem Satz des Pythagoras die Länge $\sqrt{1^2 + 1^2} = \sqrt{2}$.
Die Entdeckung, dass diese Länge sich nicht als Verhältnis darstellen lässt, erschütterte ihr Weltbild. Der Legende nach soll Hippasos von Metapont, der den Beweis veröffentlichte, dafür im Meer ertränkt worden sein.
Heute weiß man: Die irrationalen Zahlen sind sogar weit zahlreicher als die rationalen.
Jeder Zahlbereich entsteht, weil eine Rechnung im alten Bereich nicht lösbar war:
ℕ — Natürliche Zahlen
$\mathbb{N} = \{0;\ 1;\ 2;\ 3;\ \ldots\}$
Zum Zählen. Problem: $3 - 5$ hat keine Lösung.
ℤ — Ganze Zahlen
$\mathbb{Z} = \{\ldots;\ -2;\ -1;\ 0;\ 1;\ 2;\ \ldots\}$
Jetzt ist jede Subtraktion lösbar. Problem: $3 : 5$ hat keine Lösung.
ℚ — Rationale Zahlen
$\mathbb{Q} = \left\{ \frac{p}{q} \ \middle|\ p \in \mathbb{Z},\ q \in \mathbb{Z},\ q \neq 0 \right\}$
Jetzt ist jede Division (außer durch 0) lösbar. Problem: $x^2 = 2$ hat keine Lösung.
ℝ — Reelle Zahlen
$\mathbb{R} = \mathbb{Q} \cup \{\text{irrationale Zahlen}\}$
Alle Punkte der Zahlengeraden. Jetzt ist auch $\sqrt{2}$ eine Zahl.
Es gilt:
$\mathbb{N} \subset \mathbb{Z} \subset \mathbb{Q} \subset \mathbb{R}$
Jeder Bereich enthält alle vorherigen vollständig — nichts geht verloren, es kommt nur etwas dazu.
| Zahl | ℕ | ℤ | ℚ | ℝ |
|---|---|---|---|---|
| $7$ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| $-4$ | – | ✓ | ✓ | ✓ |
| $\frac{2}{3}$ | – | – | ✓ | ✓ |
| $-2{,}75$ | – | – | ✓ | ✓ |
| $0{,}\overline{6}$ | – | – | ✓ | ✓ |
| $\sqrt{16} = 4$ | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ |
| $\sqrt{3}$ | – | – | – | ✓ |
| $\pi$ | – | – | – | ✓ |
Achtung, typische Falle: $\sqrt{16}$ sieht irrational aus, ist aber $4$ — also sogar eine natürliche Zahl. Immer erst ausrechnen, dann einordnen!
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Zeichnet man alle rationalen Zahlen auf die Zahlengerade, entsteht ein verblüffendes Bild:
Zwischen je zwei rationalen Zahlen liegt immer noch eine weitere (nämlich ihr Mittelwert). Die rationalen Zahlen liegen also beliebig dicht.
Trotzdem hat diese Gerade Löcher: An der Stelle $\sqrt{2}$ ist keine rationale Zahl — obwohl man den Punkt mit Zirkel und Lineal exakt konstruieren kann (Diagonale im Einheitsquadrat).
Erst die reellen Zahlen ℝ füllen alle Löcher. Man sagt: ℝ ist vollständig oder die Zahlengerade ist lückenlos. Jedem Punkt der Geraden entspricht genau eine reelle Zahl und umgekehrt.
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ℕ, ℤ und ℚ sind alle abzählbar unendlich — man kann sie (mit einem Trick) durchnummerieren. Obwohl ℚ so viel dichter wirkt, gibt es "gleich viele" Brüche wie natürliche Zahlen.
ℝ ist dagegen überabzählbar: Georg Cantor bewies 1874, dass sich die reellen Zahlen nicht durchnummerieren lassen. Es gibt also echt "mehr" reelle als rationale Zahlen.
Anschaulich: Würde man auf der Zahlengeraden zufällig einen Punkt treffen, wäre er mit Wahrscheinlichkeit 1 irrational. Die rationalen Zahlen sind zwar überall dicht — aber verschwindend selten.
Eine Folge ist eine geordnete Liste von Zahlen:
$a_1;\ a_2;\ a_3;\ a_4;\ \ldots$
Die einzelnen Zahlen heißen Glieder der Folge, der Index gibt die Position an. Eine Folge kann man auf zwei Arten festlegen:
1. Explizit — Formel für das $n$-te Glied:
$a_n = \frac{1}{n} \quad \Longrightarrow \quad 1;\ \tfrac{1}{2};\ \tfrac{1}{3};\ \tfrac{1}{4};\ \ldots$
2. Rekursiv — jedes Glied aus dem vorherigen:
$a_1 = 2, \qquad a_{n+1} = \tfrac{1}{2}\left(a_n + \tfrac{2}{a_n}\right)$
Die zweite Folge kennst du schon — es ist die Heron-Folge für $\sqrt{2}$.
| Folge | erste Glieder | Verhalten |
|---|---|---|
| $a_n = \frac{1}{n}$ | 1; 0,5; 0,333; 0,25; 0,2; … | nähert sich 0 |
| $a_n = \frac{n}{n+1}$ | 0,5; 0,667; 0,75; 0,8; 0,833; … | nähert sich 1 |
| $a_n = n^2$ | 1; 4; 9; 16; 25; … | wächst über alle Grenzen |
| $a_n = (-1)^n$ | −1; 1; −1; 1; −1; … | springt hin und her |
Nur die ersten beiden Folgen steuern auf eine feste Zahl zu.
Wenn sich die Glieder einer Folge einer festen Zahl $g$ immer weiter annähern und ihr dabei beliebig nahe kommen, dann heißt $g$ der Grenzwert der Folge. Man schreibt:
$\lim_{n \to \infty} a_n = g$
Gelesen: "Limes von $a_n$ für $n$ gegen unendlich ist $g$."
Eine Folge mit Grenzwert heißt konvergent, eine Folge ohne Grenzwert divergent.
Was "beliebig nahe" bedeutet: Egal wie klein du eine Genauigkeit vorgibst — irgendwann liegen alle weiteren Folgenglieder innerhalb dieser Genauigkeit um $g$ herum, und sie verlassen diesen Bereich nie wieder.
Beispiele:
$\lim_{n \to \infty} \frac{1}{n} = 0 \qquad \lim_{n \to \infty} \frac{n}{n+1} = 1$
Die Folge $a_n = n^2$ divergiert (wächst unbeschränkt), die Folge $a_n = (-1)^n$ divergiert ebenfalls (sie pendelt und kommt keiner Zahl nahe).
Bei $a_n = \frac{1}{n}$ ist kein einziges Folgenglied gleich 0:
$1;\quad 0{,}5;\quad 0{,}1;\quad 0{,}01;\quad 0{,}001;\quad 0{,}0001;\ \ldots$
Trotzdem ist $0$ der Grenzwert. Prüfen wir die Definition:
- Genauigkeit $0{,}1$ vorgegeben? Ab $n = 11$ gilt $\frac{1}{n} < 0{,}1$. ✓
- Genauigkeit $0{,}001$ vorgegeben? Ab $n = 1001$ gilt $\frac{1}{n} < 0{,}001$. ✓
- Jede noch so kleine Genauigkeit? Ab $n > \frac{1}{\text{Genauigkeit}}$ passt es immer. ✓
Merke: Der Grenzwert ist der Wert, dem sich die Folge annähert — nicht unbedingt ein Wert, den sie annimmt.
Jetzt schließt sich der Kreis: Die beiden Näherungsverfahren aus diesem Kapitel erzeugen Folgen, deren Grenzwert genau die gesuchte Wurzel ist.
Heron-Folge für $\sqrt{2}$:
$2;\quad 1{,}5;\quad 1{,}41\overline{6};\quad 1{,}4142156\ldots;\quad 1{,}41421356\ldots$
$\lim_{n \to \infty} a_n = \sqrt{2}$
Intervallhalbierung: Die Folge der unteren Grenzen und die Folge der oberen Grenzen laufen von beiden Seiten auf $\sqrt{2}$ zu. Weil die Intervalllänge gegen 0 geht, haben beide denselben Grenzwert.
Das ist die eigentliche Bedeutung: Alle Glieder der Heron-Folge sind rationale Zahlen (Brüche!). Ihr Grenzwert $\sqrt{2}$ ist es aber nicht. Genau so bekommt man irrationale Zahlen in den Griff: Eine irrationale Zahl ist der Grenzwert einer Folge rationaler Näherungen.
In ℚ kann man Folgen bilden, deren Glieder sich beliebig dicht zusammendrängen, die aber keinen Grenzwert in ℚ haben — die Heron-Folge ist genau so ein Fall. Die Folge will irgendwohin, aber am Ziel ist keine rationale Zahl.
In ℝ passiert das nie: Jede solche Folge hat dort einen Grenzwert. Das ist die Vollständigkeit der reellen Zahlen — und der eigentliche mathematische Grund, warum man ℚ zu ℝ erweitert.
Mathematiker definieren die reellen Zahlen sogar genau so: als die Grenzwerte von Folgen rationaler Zahlen.